Gestalt
"Alles was ist, darf sein und was sein darf, kann sich verändern."
Gestalttherapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren, dass der wissenschaftlich ausgerichteten Gestaltpsychologie entspringt. Diese hatte gezeigt, dass die Wahrnehmung keine passive, direkte Darstellung der Welt ist, sondern stets ein kreativer Vorgang, an dem das Bewusstsein des Individuums aktiv beteiligt ist.
Aus der Fülle der aufgenommenen Informationen wird ein stimmiges Bild von der Realität konstruiert. So bildet sich für das individuelle Bewusstsein jeweils eine „sinnvolle Ganzheit“ heraus, die als „Gestalt“ bezeichnet wird.
Wie wir die Welt betrachten und was uns darin als wirklich erscheint, wird demnach gleichermaßen durch gesellschaftlich -kulturelle Paradigmen wie individuelle Erfahrungen bestimmt. Was im Prozess der Wahrnehmung jeweils ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, hängt von vielen Faktoren ab. Vor allem ist es das vorherrschende jeweilige, individuelle Bedürfnis, das die Art und Weise bestimmt und strukturiert, wie wir die Welt wahrnehmen und erleben.
In der Gestalttherapie wurde daraus das Phänomen der „unabgeschlossenen Situation“ oder „offenen Gestalt“ formuliert. Gemeint ist die Dynamik, die entsteht, wenn emotionalen bzw. psychischen Bedürfnissen nicht ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Können Gefühle, bewegende Erlebnisse oder dramatische Situationen nicht zureichend be-/ verarbeitet werden, werden diese "Gestalten" unabgeschlossen im Raum des Unbewussten abgelegt und können sich auf das gegenwärtige Erleben der Realität auswirken. Wenn auch vergangen : Die nicht geweinten Tränen, die heruntergeschluckte Wut, die unausgedrückte Liebe stehen immer wieder sprichwörtlich vor unserer Tür und nutzen jede Gelegenheit, anzuklopfen oder mit der Tür ins Haus zu fallen. Auf kreativste Art und Weise schafft sich unsere Vergangenheit immer wieder Bahn in die Gegenwart und drängt nach Beendigung des Unabgeschlossenen.
Die Brille, durch die wir die Welt Jetzt betrachten, ist also durch unsere offenen Gestalten der Vergangenheit eingefärbt.
Was ist, wenn wir entdecken, dass die Welt anders sein könnte, als sie uns erscheint?
Durch die Veränderung unserer eingeprägten Glaubenssätze kann sich unsere Sicht der Wirklichkeit ändern. Veränderung meint hierbei, Bewusstwerdung dessen, was das Leben in allen Facetten ausmacht und aus dieser Fülle zu entscheiden.
Arbeitsweise
Gestalttherapie richtet die Aufmerksamkeit und das Gewahrsein auf das Hier und Jetzt. Im gegenwärtigen Augenblick findet alles statt - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dabei ist ein weiterer Dreh- und Angelpunkt das Erleben. Aus dem „Darüber-reden, dass ...“ wird das Erleben im Hier und Jetzt.
Wenn beispielsweise eine Klientin über ihre Beziehung zu ihrer Mutter reden will, ist eine gängige Intervention der Gestalttherapie, die Klientin einzuladen, direkt zu ihrer Mutter zu sprechen und ihr all das zu sagen, was bisher noch ungesagt ist. Wenn jemand über seine Angst spricht, kann es hilfreich sein, in die Rolle der Angst zu schlüpfen und als Angst zu sprechen. Das bedeutet nicht, dass diese Interventionen für dich zwangsläufig ebenfalls stimmig sind.
Sie dienen hier nur zur Verdeutlichung des experimentellen Charakters der Gestalttherapie und dem Fokus auf das gegenwärtige Erleben.
Weiterhin wird durch das gezielte Fragen nach den aktuell wahrnehmbaren und beobachtbaren Phänomenen ein Erfahrungsraum eröffnet, der die Entwicklung von Bewusstheit (awareness) und ein lebendiges Verständnis für die Gegenwärtigkeit schult. Dies ist ein wesentlicher Schritt in Richtung größerer Flexibilität und Stabilität.
In der Einfachheit der Wahrnehmung ohne das verändern zu wollen, was sich zeigt, liegt in der Haltung der Gestalttherapie, der Schlüssel zur Veränderung selbst. Das Paradox der Veränderung besteht darin, dass Wandel dann beginnen kann, wenn der Mensch seinen Willen zur Veränderung loslässt und bereit ist, wirklich anzuerkennen, wie es jetzt gerade ist.
Indem wir den unabgeschlossenen Situationen unseres Lebens auf die Spur kommen, in dem wir unsere Bewusstheit erweitern und damit Verantwortung übernehmen, erwecken wir das Potenzial zu einem selbstbestimmteren Leben.